Gedankenexperiement: Was käme auf Sie zu, wenn Ihre Studien-/Forschungsleistungen nur noch über Ihren Blog wahrgenommen würde?

30 Jun

Ich glaube in diesem Fall hätte ich mein Studium womöglich nach dem ersten Semester aufgegeben. Für mich persönlich wäre die Art der „öffentlichen Leistungsschau“ kombiniert mit mangelnder persönlicher Interaktion bzw. Feedback dauerhaft keine Alternative zu den herkömmlichen Formen der Leistungsdarstellng und -überprüfung.

Ich habe das Glück, in diesem Semester an drei fakultativen Kursen/Seminaren teilgenommen zu haben, die alle unterschiedliche Lern- und Leistungssituationen forderten. Ich hatte mich bei Coursera in einem Kurs zu Programmiersprachen eingeschrieben, ich habe mich freiwillig am Wochenende in ein Blockseminar gesetzt und nehme eben am SOOC teil. Gerade weil ich für alle drei Kurse keine universitären Credits bekommen konnte, war es für mich auch ein interessantes Experiment zu meiner Leistungsmotivation.

Vom Blockseminar war und bin ich begeistert. Der soziale Rahmen eines guten Dozenten und anregenden Diskussionsbeiträgen sympathischer Kommilitonen hat mich auch über die weniger spannenden Themen hinweg getragen. Den Courserakurs habe ich relativ schnell wieder aufgegeben, weil mir durch den Mangel an persönlicher Interaktion auch die Motivation etwas fehlte und dann doch andere Aufgaben wichtiger wurden. Was ich jedoch an diesen beiden Kursen gleichermaßen schätze, war die geschützte Lern- und Leistungsatmosphäre zum einen durch geringe Teilnehmerzahl und relative Nichtöffentlichkeit von Seminarraum und passwortgeschütztem Lernforum.  

Während ich am SOOC gerade den Rahmen durch die Vortreffen und die Social Media Aktivitäten (und Erinnerungen) sehr schätze, habe ich doch große Hemmungen öffentlich zu bloggen. Das potentielle Publikum ist auf einmal tausendmal größer als ein Klassenraum. Ich würde mich in der interpersonalen Interaktion als ein (schon fast zu) extrovertierter Mensch bezeichnen, bin aber doch im Internet aus der Angst vor Fehlern und dem unbekannten Leser der klassische Lurker.

Ein öffentliches Portfolio würde meiner Meinung nach zu einer dauerhaften Leistungssituation für Studierende führen. Vielleicht ergibt sich durch den Druck der „Öffentlichkeit“ einer höhere nominale Leistungsdichte, aber gleichzeitig erscheinen mir Blogs als eine relativ fehleraverse Lernumgebung.

Ich glaube dass Studenten selbst in einer herkömmlichen universitären Leistungssituationen wie einem Referat oder einer mündlichen Prüfung Argumente testen, Unsicherheiten ausbügeln und Neues dazulernen können, schon allein durch das sofortige Feedback.

Ich kann mir auch vorstellen, dass das Fehlermachen in einer geschützten Lernumgebung mit Peers, wie einem Seminar weniger Angst oder Scham auslöst,  als online potenziell dauerhaft festgehaltene Inhalte in einem Blog. Selbst in einer mündlichen Prüfung sind Blamagen zumindest flüchtig.

Ein öffentliches Leistungsportfolio müsste für Studenten deswegen meiner Meinung nach zumindest die Möglichkeit der Anonymisierung beinhalten, wobei ich begrenzten Zugang (z.B. durch Passwörter) noch günstiger für ein positives Lern- und Leistungsklima fände.

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One Response to “Gedankenexperiement: Was käme auf Sie zu, wenn Ihre Studien-/Forschungsleistungen nur noch über Ihren Blog wahrgenommen würde?”

  1. Anja Lorenz (@anjalorenz) July 2, 2013 at 5:03 pm #

    Ich bin unterwegs, daher kurz und uneingeloggt: die Bedenken kann ich gut verstehen, aber dieser “Open” Aspekt ist einer der wichtigsten, wenn nicht sogar DER WICHTIGSTE Aspekt am Experiment SOOC13. Die Offenheit nicht nur der Lernangebote, sondern auch des Prozesses und der Ergebnisse (nicht aber deren Bewertung) gehört dazu und war auch ein zentraler Punkt der Kursbeschreibung. Ich nehme aber an, dass das Lesen dieser Bedingung (bzw spätestens in den Workshops wurde das ja auch gesagt) und der eigenen Erfahrung auseinanderdriften. Daher vielen Dank für den Erfahrungsbericht.

    Was ich allerdings nicht verstehe: es war nie gefordert, den Blog unter einem Klarnamen zu führen und eijige Teilnehmer haben das auch nicht gemacht, so dass letztendlich nur wir wissen, wer dahinter steckt (wenn sie es nicht selbst geschrieben haben). Wurde auf diese Möglichkeit zu wenig hingewiesen?

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